31. Frühling

für Sylvia Plath


Ein Monodram in sieben Szenen für Sopran und Orchester

Text: Katharina Mihm (2014)
Komposition: Gabriel Iranyi (2015/ 2016)
Erschienen im Verlag Neue Musik Berlin

KONTEXT: SYLVIA PLATH

Sylvia Plath wurde am 27. Oktober 1932 in Massachusetts geboren. Schon früh publizierte sie erste Gedichte und kurze Prosatexte, und gewann damit etliche Preise und Auszeichnungen. Nach einem gescheiterten Selbstmordversuch im August 1953 schien ihr schriftstellerischer Erfolg zunächst zu stagnieren. Bei ihrem Studienaufenthalt in Cambridge lernte sie den britischen Dichter Ted Hughes kennen, den sie 1956 in London heiratete. Die beiden übersiedelten im September 1957 zurück nach Boston, wo Sylvia Plath eine Zeitlang am Smith College unterrichtete. Im Dezember 1959 kehrte das Paar nach England zurück. Dort wurde am 1. April 1960 die Tochter Frieda Rebecca Hughes geboren. Am 31. Oktober publizierte der Heinemann-Verlag Sylvia Plath's ersten Gedichtband „The Colossus and Other Poems“. Im darauffolgenden Februar erlitt sie eine Fehlgeburt. Der Sohn Nicholas Farrar Hughes wurde am 17. Januar 1962 geboren, kurz darauf trennte sich das Paar. Sylvia Plath veröffentlichte ihren ersten und einzigen Roman „The Bell Jar“, zunächst unter dem Pseudonym Victoria Lucas. Wenige Wochen später, am 11. Februar 1963, beging sie Selbstmord. Ihre Biographen schreiben:

At about 6:00 A.M., according to Alvarez's memoir, Sylvia „Went up to the children's room and left a plate of bread and butter and two mugs of milk.“ Next she returned to the kitchen and sealed the door and windows with tea towels and cloths to guard carefully against the possibility of any gas reaching the sleeping children. Finally, she turned on all taps, knelt down as if to say her prayers, and laid her head in the oven.
(excerpt from Edward Butscher: „Sylvia Plath, Method and Madness“)

Ihr 1981 posthum erschienener Gedichtband „Collected Poems“ gewann den Purlitzer Preis. Posthum erschienen sind außerdem eine umfassende Gesamtausgabe ihrer Tagebücher „The Unabridged Journals of Sylvia Plath“ sowie die Prosatextsammlung „Johnny Panic and the Bible of Dreams“.

KONZEPT: 31. FRÜHLING

Das Libretto zum musikalischen Drama „31. Frühling“ ist nicht im engen Sinn biografisch zu verstehen. Weder das herausragende Werk, noch der frühe Tod der Dichterin sollen hier veranschaulicht, oder gar erläutert werden. Das damit einhergehende Geheimnis muss gewahrt werden, und soll im Dunkeln verbleiben. Stattdessen ist durch die intensive Auseinandersetzung mit Plath's Texten ein eigenständiger Dramenentwurf entstanden. Seine Grundlage besteht in dem Wunsch, der in ihrem 31. Winter verstorbenen Dichterin einen weiteren Frühling zutragen zu können. Dieser 31. Frühling wird dabei im Sinn einer Wiederbelebung verstanden: Unsere heutige Gegenwart soll – als Musik, Wort und Bühnenpräsenz - von Plath's Gedankenwelten neu durchsetzt und befruchtet werden. So mag ein Beitrag geleistet werden, das zu verhindern, was sie zeitlebens am meisten gefürchtet hat: Unbedeutend zu sein, und vergessen zu werden.

AUFBAU: DAS LIBRETTO

Das Drama kristallisiert sich um das Erleben einer namenlosen Frau. Voll mädchenhafter Sehnsucht verspricht sie sich ihrem Geliebten, und wütet im selben Atemzug gegen ihre zukünftige Rolle als Frau und Mutter. Aus dieser Zerrissenheit heraus geschieht ein Unglück: In der Hochzeitsnacht vermählt sie sich nicht nur mit ihrem Angetrauten, sondern gleichzeitig mit dem „fernsten Stern Ariel“, einer engelhaften Bestie, welche die künstlerische Inspiration verkörpert. Der „Ariel“ hat die Frau in ihrer Verstörung, aber auch in ihrer Erhabenheit erkannt. Nun muss sie zwei Eheversprechen einlösen: Aus dem einen gehen Kinder, aus dem anderen Worte hervor. Dieser Konflikt ist nicht zu lösen. Sie vergisst deshalb den „Ariel“, und zahlt einen hohen Preis: Ihr Herz wird zu Stein. Doch der „Ariel“ befreit sie aus diesem sterilen, lieblosen Dasein und ermöglicht ihr noch einmal, sich zu ihm zu bekennen. Dazu müsste sie ihre inzwischen geborenen Kinder verlassen. Verzweifelt gräbt sie sich inmitten der häuslichen Küche „durch Ofenschwärze“ in die Erde. Auf diese Weise hofft sie, den leiblichen Kindern nahe zu bleiben, und gleichzeitig in der Umnachtung den „Ariel“ und ihre „Wortkinder“ wiederzufinden. Nach embryoartigem Schlaf und Tod wird sie durch die fühlbare Anwesenheit der „lauschenden Fremden“ (des Publikums) wieder an die Oberfläche geholt, und findet dort ihren 31. Frühling vor. Den Körper musste sie unterwegs zurücklasen. Sie ist jetzt nur noch Stimme.

Im Folgenden werden die sieben Strophen des Librettos kurz umrissen und mit einem ausgewählten Originalzitat aus den Tagebüchern der Sylvia Plath ergänzt. Diese Darstellung der Bezüge zwischen Drama und autobiografischen Texten ist keineswegs erschöpfend, sondern nur beispielhaft. Die unzähligen und sehr unterschiedlichen Vernetzungspunkte zwischen dem Dramentext und dem Werk der Dichterin finden sich natürlich nicht nur in den biografischen und autobiografischen Schriften, sondern haben ebenso Plath's Lyrik und Prosa zum Ursprung.

1 Winter

Der namenlosen Frau wurde ein Heiratsantrag gemacht. Voller Wut schleudert sie nun ihr Einverständnis nieder, und verdammt ihr Frausein in einer Männerwelt. Losgelöst und bezuglos verirren sich in ihren Zorn auch immer wieder leise, zarte und sehnsuchtsvolle Töne: „Liebster, ich warte –“

But then you're on top, shaking him, your hair falling in your face. He has relaxed. He's listening to the words pouring out.
„I hate you. Damn you. Just because you're a boy. Just because you're never worried about having babies!“
(excerpt from „The Unabridged Journals of Sylvia Plath“, July 1950 – July 1953)

2 Ankleiden vor dem Spiegel

In Zwiesprache mit ihrem eigenen Spiegelbild schmückt sich die Braut zur Hochzeit, und kleidet sich an. Als aber endlich die Kirchenglocken läuten, blickt die „schönste der Frauen“ unverwandt aus dem Spiegel. Sie erkennt die festlich-traditionellen Gegenstände nicht mehr: Statt des Kamms nimmt sie ein Messer. Doch die junge Frau bekennt sich nicht zu ihrem eigenen Unwohlsein, sondern befiehlt ihrem Herz zu jubeln. Dadurch färbt sich der „grüne liebliche Mai“ – in düsterer Vorahnung – rot.

This is how it was. I dressed slowly, smoothing, perfuming, powdering. I sat upstairs in the moist gray twilight, with the rain trickling down outside, while the family talked and laughed with company down on the porch. This is, I thought, the American virgin, dressed to seduce. (...)
- A sudden slant of bluish light across the floor of a vacant room. And I knew it was not the streetlight, but the moon. What is more wonderful than to be a virgin, clean and sound and young, on such a night? ... (being raped.)
(excerpts from „The Unabridged Journals of Sylvia Plath“, July 1950 – July 1953)

3 Begegnung auf stürmischer Heide

Die Kirchenglocken verstummen, und die Braut erwacht in einer dunklen, sturmumtosten Heidelandschaft, fernab von den Menschen. Rauschhaft begibt sie sich tief in die zuckend-tierhafte Finsternis hinab, und lacht über die wiederkehrenden Warnungen der Stimmen, die sie als „alte ängstliche Jungfern“ abtut. In „wilder Nacht“ schläft sie auf dem Moosbett ein, und wird dann in entrückter Atmosphäre von dem ernsten, fernen Stern Ariel „erkannt“, einer engelsgleich singenden Bestie, der über sie steigt, und sich mit der Schlafenden vermählt. Davon erwacht sie und findet nun ihren Bräutigam im „lieben bekannten Mantel“ vor, der ihr den Ausbruch offenbar verzeiht, und sie auf starken Armen zu den Menschen zurückträgt. Doch die untreu gewordene Braut kann einen letzten, sehnsüchtigen Blick zurück zum Stern Ariel nicht verhindern. Zur Strafe wird sie „zu Salz und zu Stein“.

Oh, the fury, the fury. Why did I even know he was here. The panther wakes and stalks again, and every sound in the house is his tread on the stair; I wrote mad girl's love song once in a mad mood like this when Mike didn't come, and every time I dressed in black, white and red: violent, fierce colors.
(excerpt from „The Unabridged Journals of Sylvia Plath“, March 10, 1956)

4 Zwischen Wänden gefangen

Die „erfrorene“ Ehefrau hastet in endloser Unruhe zwischen ihrem Schreibtisch und dem zu deckenden Tisch hin und her. Sie braucht nun keine Kirchenglocken mehr, um an die verstreichende Zeit gemahnt zu werden: Ihr eigenes Gesicht ist zur Uhr geworden, ihr unheimlich versteinertes Lächeln treibt sie an. Doch trotz der erschöpfenden Geschäftigkeit fallen ihr nur „trockene Worte“ aus der Feder, und die Kinder und der Gemahl bleiben hungrig, denn ihr Herz ist versteinert und kann nicht lieben, und ihre salzig verkrustete Stirn kann nicht fruchtbar sein.

I feel really uncreative. (...) I self-paralize myself & wonder what I've got in my head. (...) I am dry, dry and sterile.
(excerpt from „The Unabridged Journals of Sylvia Plath“, January – March 1957)

5 Sehnsucht nach der Bestie

Doch der „Stern Ariel“ lässt die Frau nicht gänzlich verkümmern: Eines Tages sucht er sie heim. Den Tisch, an dem Gemahl und Kinder gerade noch gesessen haben, findet sie verwüstet vor, „als hätt hier die Bestie gespeist“. Ein Rabe hockt auf dem Küchenbord, und durchs zerbrochene Fenster blickt Ariel zu ihr herein und schickt einen lodernden „Monsun“, der ihr Herz von Stein und Salz befreit. Überglücklich eilt sie und kann nun endlich lebendige Worte zu Papier bringen. Doch ihr Glücksrausch bricht, als sie vor den Bettchen ihrer Kinder steht: Sie spürt, dass sie die wiedererwachte Verbindung mit Ariel nicht noch einmal opfern wird, und weiß gleichzeitig, dass sie, erfüllt von Ariels „kosmischem Feuer“, ihren Kindern keine Mutter mehr sein kann. Wieder versucht sie es mit einem Kompromiss, und anstatt das Haus zu verlassen, beschließt sie, sich nahe den Kindern in heimischer Ofenschwärze zu versenken, aus der ihr Ariels Kuss entgegenweht.

No children until I have done it. My health is making stories, poems, novels, of experience: that is why, or, rather, that is why it is good, that I have suffered & been to hell, although not to all the hells. I cannot life for life itself: but for the words which stay the flux.
(excerpt from „The Unabridged Journals of Sylvia Plath“, January – March 1957)

6 Eingraben in die Erde

Im Ofen ist es eng und dunkel, und der Frau schwinden die Sinne. Bevor sie ganz in einen weichen, embryoartigen Schlaf verfällt, explodiert noch einmal farbgewaltig und rauschhaft die leuchtende Welt vor ihren sterbenden Sinnen. Zuletzt sieht sie ihren „Stern Ariel“ zerbersten, doch dieser Verlust löst keine Trauer mehr aus. Zu weit entfernt ist die Frau schon von ihrem eigenen Selbst. Sie hört noch ein letztes Schlaflied ihrer Liebsten, findet Frieden und stirbt.

„I want to kill myself, to escape from responsibilty, to crawl back abjectly into the womb.“
(excerpt from „The Unabridged Journals of Sylvia Plath“, November 3, 1953)

7 Frühling

„Dies ist nicht das Ende“ sagt die Frau, als sie die lauschenden Menschen im Publikum atmen hört. Gewissermaßen vollzieht sich ein Wechsel der Realitätsebenen: Als Stimme findet die Frau ein Weiterleben im Herzen der anteilnehmenden Leser und Hörer, und darf auf einen weiteren Frühling hoffen.

I love people. Everybody. (...) My love's not impersonal yet not wholly subjective either. I would like everybody, a cripple, a dying man, a whore, and then come back to write about my thoughts, my emotions, as that person.
(excerpt from „The Unabridged Journals of Sylvia Plath“, July 1950 – July 1953)

so words have power to open sesame and reveal liberal piles of golden metallic suns in the dark pit that wait to be melted and smelted in the fire of spring which springs to fuse lumps and clods into veins of radiance.
(excerpt from „The Unabridged Journals of Sylvia Plath“, November 22, 1955)