MÄR


KONZEPT

MÄR ist das Ergebnis einer jahrelangen filmischen Auseinandersetzung mit Deutschland – einem Land, dem ich schon oft versucht habe zu entkommen und in das ich immer wieder zurückkehre.

Ich glaube, dass die Landschaft, in der wir leben, unsere Gemütszustände beeinflusst. Menschen aller Kulturen haben seit jeher Sinneseindrücke, welche sie aus der Landschaft aufgenommen haben, zu Bildern, Märchen, Liedern oder Tänzen weiterentwickelt. Auf diese Weise konnte eine Art stetiges und lebendiges Zwiegespräch mit der sie umgebenden Natur entstehen. Doch speziell in Deutschland haben diese Elemente im Lauf der Geschichte ihre Unschuld verloren. Volkstümliches hat man im „Dritten Reich“ zu Propagandazwecken missbraucht, entsetzliche Verbrechen wurden mit alten deutschen Liedern und Symbolen untermalt. Aber auch der irrationale Charakter vieler Märchen und Sagen sowie die kollektiven, sogar rauschhaften Gemütszustände, welche durch volksnahe Lieder und Tänze hervorgerufen werden können, sind zu Recht verdächtig geworden. Beschämt und erschrocken haben wir alle diese Dinge abgelegt, wie einen unnütz gewordenen Mantel.

Nicht alle von uns können mit der daraus resultierenden Leerstelle umgehen. In einer ökologisch zunehmend bedrohten Welt sehnen sich viele Menschen nach Naturerfahrungen, sie fühlen sich plötzlich haltlos in ihrer eigenen Heimat. Diese Unsicherheiten und Ängste können wiederum umschlagen in nationalistische und fremdenfeindliche Tendenzen, deren aktuelles Wiedererstarken mich in äußerstem Maß beunruhigt.

Was also kann man tun?

Über mehrere Jahre hinweg habe ich versucht, die Kommunikation mit der Landschaft wieder aufzunehmen. Herausgekommen ist MÄR, gewissermaßen als Ergebnis eines Selbstexperiments: Was passiert, wenn ich mich über einen langen Zeitraum immer wieder in einer bestimmten Umgebung aufhalte? Welche Geschichte wird sie in mir entstehen lassen, welche Figuren treten darin auf? Was wäre ihr Konflikt, wohin geht ihre Reise? MÄR versucht, wie auch schon im Titel angelegt, den ganz ursprünglichen Entstehungsprozess eines Märchens nachzuvollziehen. Dass dieses letztendlich vielfach gebrochen erzählt wird, und dass es ohne die für Märchen übliche Schlussbelehrung auskommen muss, liegt natürlich einerseits an mir selbst. Andererseits mag auch die hybride und widersprüchliche Landschaft des Ruhrgebiets, die ich aufgrund der besonders intensiven Durchdringung von Wildnis und Zivilisation gewählt habe, ihren Teil dazu beigetragen haben.

In MÄR haben die Menschen die Kommunikation mit der sie umgebenden Topographie wieder aufgenommen. Dabei sehen sie sich unweigerlich mit uralten, ur-volkstümlichen Elementen konfrontiert, die immer janusköpfig sind. Speziell der Wolf, wohl das unheimlichste und blutrünstigste unter den deutschen Märchenwesen, nimmt inneres und äußeres Brachland wieder in Besitz. Die Menschen schwanken zwischen Angst und Faszination. Es gelingt ihnen nicht, dem Reiz und der Gefahr des Urtümlichen, das in ihren Köpfen wieder zum Leben erwacht, mit Vernunft und Umsicht zu begegnen. Unheil baut sich auf.

Was aber müsste geschehen, damit wir einen angemessenen Umgang mit diesen Elementen finden, sodass niemals wieder ein Mensch dadurch zu Schaden kommt?

Es geht mir in MÄR nicht darum, schnelle Antworten zu finden, sondern ich wünsche mir, dass zunächst ein Resonanzraum für diese – mir wesentlich erscheinende - Frage entstehen kann. Ob und wie dieser Resonanzraum gefüllt werden kann, hängt von jedem einzelnen Zuschauer ab.

 

 

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